Der Generalanzeiger und die verlorene Unschuld

Kommentar von Tobi Inhoffen

Der Bonner Generalanzeiger (GA) sorgte am Dienstag für einen Paukenschlag: Die Zeitung veröffentlichte auf ihrer Internetseite den kompletten, ca 500-seitigen nicht-öffentlichen Prüfbericht des Rechnungsprüfungsamts (RPA) zum WCCB. Zum Zwecke der Aufklärung? Eher nicht. Wie meinte mal Hans Leyendecker im Zuge der Cicero-Affäre:

Da klingelt der Journalist und sagt, schaut mal, was ich auch Bedeutendes habe. […] Ist Aufklärungs-Journalismus möglich? Ich behaupte: Ja! Und er ist möglich, ohne dass man ständig darauf hinweist, dass man geheime Papiere hat.

Der GA weist nicht hin, er erschlägt einen förmlich mit dem ganzen Apparat. Nur eine Idee: Bestünde journalistische Arbeit, die sich der Aufklärung der Betrügereien rund ums WCCB widmet, nicht eher darin, die im RPA-Bericht zusammengetragenen Fakten für den Leser sinnvoll zu verknüpfen und darzustellen, wie der GA es ja auch in der Artikelserie der „Millionenfalle“ versucht? Für den normalen Leser ist der reine RPA-Bericht schlicht nutzlos, dafür ist er einfach zu spezifisch und zu umfangreich.

Daher ist der öffentlichkeitswirksame Coup des Generalanzeigers auch nicht als Beitrag zur Aufklärung, sondern als ein kaum mehr verschleiertes politisches Statement gegen den OB zu verstehen, der die weitestgehend öffentliche Diskussion des Berichts im Hinblick auf Persönlichkeitsrechte seiner Mitarbeiter immer vermeiden wollte. In der mittlerweile schon ziemlich zerrütteten Beziehung zwischen Nimptsch und dem Lokalblatt überrascht das spektakuläre Vorgehen der Zeitung eigentlich nicht. Am Tag nach der Sondersitzung des Rats titelte der GA im Lokalteil in Übernahme eines Zitats des Bürgerbundes, der OB habe seine Unschuld verloren – was an sich für einen verheirateten 56-jährigen Mann schon ein bisschen seltsam klingt. Aber vielmehr ist es der Generalanzeiger, dessen publizistisches Jungfernhäutchen jetzt gerissen ist, denn durch die Aktion am Dienstag wurde er vom politischen Beobachter zum politischen Akteur, der aktiv ins Geschehen eingreift. Vielleicht sollte der Bonner Generalanzeiger nochmal einen genauen Blick auf den Namen der Auszeichnung werfen, die er kürzlich für die „Millionenfalle“ erhalten hat. Wächterpreis heißt der sicher nicht nur aus reinem Zufall.

Links:

Advertisements

10 Gedanken zu “Der Generalanzeiger und die verlorene Unschuld

  1. Wer tutet denn hier „wohlfeil“ in die Tröte des Oberbürgermeisters?
    Diese Logik ist reichlich verquer! Zur Aufklärung gehört zunächst, dass man die Materialien zugänglich macht. Das ist nicht erfolgt. Der OB versuchte mit hahnebüchenen Argumenten das zu verhindern, was ein Grundrecht ist: Meinungs – Freiheit, die erst dadurch entsteht, dass man sich eine Meinung bilden kann.
    Den Rest sollte der Verfasser dieser Zeilen dem „normalen“ Leser überlassen, der braucht ganz sicher keine Bevormundung von Oberschlaubergern, die nicht einmal verstehen ein Zitat im Kontext richtig anzuwenden. Der RPA Bericht ist kein unverständliches Geheimdossier, sondern erläutert dem Rat (d.i. der Auftraggeber) komplexe Sachzusammenhänge. Eine zusätzliches „Aufbereiten“ macht keinen Sinn, denn man hat beides: die „Millionenfalle“ und den RPA Bericht.
    Dann existiert noch diese reichhaltige Paket des „Whistleblowers“ und nun hat man auch noch Kenntnis von den Betrügereien der SMI – Truppe in den USA:
    http://bonner-presseblog.de/2010/10/13/bonn-wccb-warum-nicht-mal-bei-dr-man-ki-kim-zu-hause-klingeln/#comment-8321

    Das reicht, alles in allem kein Kommentar, sondern eine vordergründige Meinungsmache!

  2. Wie heißt es immer so schön im Rat: formale Gegenrede! Ich benutze allein schon aus hygienischen Gründen zum Tuten nur meine eigenen Tröten.

    Das witzige an der Sache ist, dass genau heute der Generalanzeiger eine Entscheidung des Deutschen Presserats veröffentlicht hat, die mir in dieser ganzen fast schon vergessenen Angelegenheit Recht gibt und das Vorgehen des GA missbilligt. Wenn Ihr Kommentar nicht so glaubhaft geschrieben wäre, würden mich die Leute glatt verdächtigen, dass ich mir hier selber mit Pseudonym die Vorlagen auflege.

    http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=loka&itemid=10490&detailid=798777

    • @Tobi

      Rechtbekommen und Rechthaben sind zweierlei. Sie haben, vermutlich ohne es zu ahnen, aus prinzipiellen und gut gemeinten Erwägungen heraus den Presserat angerufen.
      Der hat Ihnen grundsätzlich Recht gegeben, nicht mehr und nicht weniger.
      Der spezielle Fall liegt aber ganz anders. Nicht die Stadthäusler und ihre Mogelpackungen müssen geschützt werden, sondern die Demokratie.
      Offenbar ist Ihnen entgangen, dass der OB mit dem Versuch eine kastrierte und gekürzte Version des RPA Berichtes abgeben zu wollen (auch noch zu Lasten des Steuerzahlers) grob gegen Geist und Inhalt des Informationsfreiheitsgesetz verstoßen hat.
      http://bonner-presseblog.de/2010/06/25/bonn-schlappe-fur-ob-jurgen-nimptsch-rpa-bericht-zum-wccb-muss-raus/

      Leider haben Sie mit dieser Anti – Aufklärungs – Aktion nicht nur Ihrer Partei durch folgsame Obrigkeitshaltung gegenüber dem OB geschadet, sondern auch der Demokratie einen Bärendienst erwiesen.

      Damit Sie nicht in Versuchung geraten völlig zum falschen (oder richtigen?) Lager überzulaufen hier noch etwas Hintergrundwissen:
      http://bonner-presseblog.de/2010/05/28/bonn-wccb-rpa-bericht-weitergabe-verboten-ein-ammenmarchen/

      Zum Schluss noch etwas zur Tröte: unter Umständen gibt es auf Seiten derer, die Sie vor den „Verdächtigungsjournalisten“ schützen möchten
      weniger Hygienevorbehalte: die SPD, oder der OB könnten die Ergebnisse Ihres „Demokratieverständnisses“ dazu nutzen um so (nach dem System Dieckmann) weiterzumachen wie bisher.

      Seien Sie versichert, sehr viele BonnerInnen wollen das nicht, der Bonner GA will das nicht und vermutlich will das auch Ihre Partei nicht.
      Zu Ihren Gunsten gehe ich davon aus, das Sie das nicht auch nicht wollen.
      Na, also, dann wären wir uns ja einig. Ihre Aktion war im Kontext des WCCB Skandals weder angemessen noch besondes witzig…

  3. Tobi, der Tobiator!
    ob auf dem Fußballfeld (allein unter Kinder und Frauen),auf dem Redelastwagen,(selbst den Moderator betörend beim Schwulen-und Lesbenfest) oder mal eben von hinten_gaaanz harmlos_frech grinsend_ den GA aufmischend.
    Ich finds gut :)

  4. @Kata: I’ll be back! ;-o

    @Peter Riemann:

    Es scheint in der angespannten Atmosphäre in Bonn vielen Leuten schwer zu fallen, zwischen dem Wunsch nach Aufklärung und dem Wunsch nach korrekter Berichterstattung zu unterscheiden. Ich nehme das aber für mich in Anspruch und deswegen war das ganze weder witzig (na gut, vielleicht ein bisschen), noch eine „Anti-Aufklärungs-Aktion“, sondern entsprang meinem Ärger über den GA, der in seinen Artikeln einfach häufig über die Stränge schlägt, wie auch im vorliegenden Fall. (Übrigens war das keine „grundsätzliche“ Entscheidung des Presserats, wie Sie meinen, sondern speziell auf diesen Fall gemünzt, die Hintergründe waren alle bekannt.)

    Wenn Sie fürchten, dass die dunklen Mächte in der Stadtverwaltung das zur Diskreditierung der Aufklärer und zum kommunalen Demokratieabbau einsetzen könnten, schlage ich vor, Sie beschweren sich nicht bei mir oder dem Presserat, sondern beim GA selbst, der mit dieser unnötigen Verletzung des Pressekodex erst den Anlass dazu gegeben hat.

    (Das mit der „folgsamen Obrigkeitshaltung“ will ich mal überhört haben.)

    Auch lesenswert: http://michaelfaber.wordpress.com/2010/10/15/hoppla/

    Na also, jetzt sind wir uns aber wirklich einig!

  5. @Tobi

    Mir fällt es vermutlich wie vielen Bonnern schwer Ihre Haltung zu verstehen.
    Treten Sie hier als Rächer unschuldiger Verwaltungsangestellter auf, die unter die koreanischen Immobilienräuber gefallen sind und nun völlig unberechtigt ihren Namen im RPA Bericht lesen müssen?
    Wollen Sie das deutsche Presserecht vor dem Untergang bewahren, bloß weil der GA hier die Rolle des lokalen WIKILEAK übernommen hat?
    Oder geht es Ihnen um etwas ganz anderes?
    Wer ist übrigens Tobi Inhoffen? Schreiben Sie für sich selbst Kommentare unter Verwendung des Nachnamens einer GA Redakteurin?

    Alles recht merkwürdig, weil Ihre Aktion im Gesamtzusammenhang keinen Sinn macht.

    Natürlich müssen Sie Ihre eigene Webseite sauber halten. Aber unter Bezugnahme Ihres letzten Statements wage ich zu bezweifeln, dass der Deutsche Presserat auch nur ansatzweise die Kompexität und die Verquickungen moralischer und rechtlicher Art der Beteiligten verstanden haben konnte, als er sein „Urteil“ sprach.
    Es kann daher nur ein formelles gewesen sein, keines der endgültigen Richtigkeit im Sinne einer angemessenen Beurteilung. Ihr Einwand „speziell auf diesen Fall gemünzt“, zeigt, dass Sie meine Argumentation und die Problematik des „Falles“ nicht verstanden haben.

    Ich denke Sie sollte es sich verbieten

    a) von oben herab (analog zu Herrn Nimptsch?) zu behaupten, dass „für den normalen Leser der reine RPA-Bericht schlicht nutzlos ist, weil er einfach zu spezifisch und zu umfangreich ist“.
    Falls Sie nicht dieser famose Tobi Inhoffen sind, widersprechen Sie diesem Selbstbesoffenen!

    b) besser als andere unterscheiden zu können inwieweit Recht auf Aufklärung und korrekte Berichterstattung sich in Schieflage befinden und

    c) ihrem persönlichen Ärger über einem Presseorgan, das „über die Stänge schlägt“ freien Lauf zu lassen.

    Wie man sieht, tut das weder Ihnen, noch Ihrer Partei gut, denn tatsächliche und eingebildete OBerlehrer enden im rhein:raum
    http://rheinraum-online.de/2010/07/15/70-minuten-oberlehrer/
    oder auf dem Bonner PResseBlock
    http://bonner-presseblog.de/2010/10/18/bonn-presserat-missbilligt-namentliche-nennungen-im-wccb-prufbericht/

    Ich werde Ihren Vorschlag aufgreifen und mich beim GA bescheren: ich möchte den Link zum Download back!
    Und Sie beschweren sich bitte beim OB dass er diesen kontraproduktiven Unfug einstellt. Hinter den „dunklen Mächten“ ist nämlich der Staatsanwalt her und der ist ECHT!

  6. Lieber Herr Riemann,

    ich muss das natürlich akzeptieren, wenn es Ihnen schwer fällt, meine Haltung zu verstehen. Dennoch habe ich die Fragen in Ihrem ersten Abschnitt eigentlich schon alle beantwortet, abgesehen von der nach dem geheimnisvollen Tobi Inhoffen, was ein Pseudonym ist, das ich aus naheliegenden Gründen für den Eintrag gewählt hatte.

    Danke auch dafür, dass Sie mir zuerst eine Oberlehrer-Mentalität attestieren und danach netterweise Instruktionen an die Hand geben, die auch noch so schön untergliedert und durchnummeriert sind. Ich weiß diese Art von Ironie wirklich zu schätzen.

    Warum Sie glauben, dass der Presserat nicht über die Komplexität des Falles im Bilde war, ohne die Entscheidung im Wortlaut überhaupt zu kennen, kann ich wiederum nur schwer nachvollziehen.

    Normalerweise einigt man sich dann an solchen Stellen darauf, dass man sich nicht einigen kann.

  7. Lieber Herr Haßdenteufel,

    Sie haben Recht, eine Einigung ist nicht in Sicht, solange wir in diesem einen Punkt so weit auseinander liegen. Das ist schade, denn wenn selbst die Aufklärer in der vordersten Front und das sind nicht nur der Bonner Generalanzeiger und WDR, sondern auch Staatsanwaltschaft und akribische Blogger, wie Hans Weingartz, Mühe haben die Sachverhalte aufzudröseln, dann kann es auch der Deutsche Presserat nicht.

    Demnach bleibt es eine „formal“ richtige Entscheidung, die nicht die vielen Verquickungen und Vernetzungen von Tätern (Koreaner nebst deutschem Anhang) und vermeintlichen Opfern (handelnde Verwaltung) berücksichtigen kann.
    Der Spruch des Presserats mag also durchaus in Bezug auf die Schwärzung richtig sein, im Zusammenhang mit den skandalösen Umständen zu denen der OB und seine Verbrämungs- und Verlautbarungstruppen kräftig beigetragen hat, macht er aber keinen Sinn. Die „Nachrichtenverweigerungsmacht“ in den Händen der Verwaltung und muss ihr mühsam entrissen werden.

    Damit bleibt es auch beim geleisteten Bärendienst, der Befehlsnotstand vorschreibt, obwohl die Meinungsbildung vor dem Erschießungspeloton steht.

    Diese Zusammenhänge scheinen Sie übergangen zu haben und mit dem ehrlichen Outen Ihres Alter Ego haben Sie eigentlich zum Motiv alles gesagt.

    Weil ich so nett bin, hier noch eine Instruktion: gehen Sie doch einfach mal heute auf die WDR Lokalzeit :

    Best of RPA-Bericht

    Der Bericht des Rechnungsprüfungsamtes der Stadt Bonn enthält alle wichtigen Details zu Kosten und Kommunikation rund ums WCCB-Desaster. Wir haben uns die mittlerweile veröffentlichten 475 Seiten durchgelesen und präsentieren die „Highlights“.

    Hoffentlich gibt`s jetzt nicht gleich `ne Meldung an den Deutschen Fernsehrat! Das meine ich natürlich nur ironisch, Ihre Webseite gehört nun wieder Ihnen….

  8. Herr Riemann,

    es ist doch ganz einfach:

    Natürlich wollen wir Aufklärung.

    Wir wollenTransparenz und Information.Dafür setzen wir uns ein.
    Aber diese muß genauso im Rahmen bleiben. Darf nicht in Denunzierung umschlagen oder sollte nicht instrumentalisierend missbraucht werden.
    Darauf achtet der Presserat u.a. auch; er bezog sich sich auf die nicht erfolgten Schwärzungen.Und über die Rüge sollte ein GA dann auch in der Lage sein in richtiger Weise zu sinnieren bei seinem beanspruchten Format und zu ändern,anstatt einfach online runter zu nehmen….

    P.S. mein erster Kommentar war rein privater Natur.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s