Dirty Talk unter Altphilologen

Schickt die Kinder raus, wir machen jetzt lateinische Lyrik. Aber nicht dieses langweilige Zeug von Ovid und Horaz, das die Schüler reihenweise fort in die Spanisch-Kurse treibt, sondern den antiken Epigrammatiker Martial. Dieser schöne Blog hat sich der chronologischen Aufarbeitung seiner Kurzgedichte gewidmet, leider ist der Kollege nur bis zum dritten Martial-Buch gekommen und verspricht einem seitdem seit fünf Jahren ein Update „in den nächsten paar Tagen“, o Wunder des Internets. Egal, auch bis dahin findet sich schon manche Perle.

Dieser Zweizeiler hier widmet sich zum Einstieg einem klassischen Topos über ganz bestimmte körperliche Zusammenhänge:

Mentula tam magna est quantus tibi, Papyle, nasus,
ut possis, quotiens arrigis, olfacere. (VI, 36)

[Dein Schwanz ist so riesig, Papylus, genau wie deine Nase / so dass Du, immmer wenn Du einen Steifen hast, dran riechen kannst.]

Mentula, -ae, f. (= Schwanz, Penis) bitte merken, das kommt noch öfters. Immerhin ist der Vers wesentlich origineller als „Wie die Nase eines Mannes so auch sein Johannes“ oder ähnliches. Spricht sich übrigens unter Beachtung von Hexa- und Pentameter etwa so:

Next one:

Mentula cum doleat puero, tibi, Naevole, culus,
non sum divinus, sed scio quid facias. (III, 71)

[Dem Jungen tut sein Penis weh und dir, Naevolus, der Hintern / Ich bin zwar kein Prophet, aber ich weiß, was Du machst.]

Ich kann nur appellieren: Frau zu Guttenberg, übernehmen Sie bitte!

Quod pectus, quod crura tibi, quod bracchia vellis,
quod cincta est brevibus mentula tonsa pilis,
hoc praestas, Labiene, tuae – quis nescit? – amicae.
Cui praestas, culum quod, Labiene, pilas? (II, 62)

[Du ziehst dir die Haare von Brust, Beinen, Armen / dein geschorener Schwanz ist umringt von kurzen Stoppeln / du tust das, Labienus – wer weiß es nicht? – für deine Freundin. / Für wen aber, Labienus, rasierst Du dir deinen Arsch?]

Die Leute, die er in seinen Spottgedichten anspricht, sind zwar alle fiktiv, aber irgendwie wirkt Martial trotzem oft wie die antike Frühform eines durchgedrehten Klatschkolumnisten. Eine hübsche kleine Familiengeschichte zum Abschluss:

Uxorem habendam non putat Quirinalis,
cum velit habere filios, et invenit
quo possit istud more: futuit ancillas,
domumque et agros implet equitibus vernis.
pater familiae verus est Quirinalis. (I, 84)

[Quirinalis denkt nicht, dass er eine Frau haben müsste / will aber gleichzeitig Söhne und findet / einen Weg: Er vögelt seine Sklavinnen / und füllt Heim und Felder mit hausgemachten Rittern. / Quirinalis ist ein echter Familienvater.]

Geschenktipp: Einfach den Namen eines Freundes gegen den in einem Epigramm austauschen und das ganze mit Goldrand drucken lassen. (Vorher aber unbedingt sicherstellen, dass der Beschenkte kein Latein kann.)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Lyrik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s