Wer bin ich, wenn ich im Stadtrat bin?

Ein kurzer Fragebogen zur Selbsteinstufung für Kommunalpolitiker.

Bild: Stadträte in Erfurt, Foto von Michael Panse (CC-BY-ND)

1) Die neue Beschlussvorlage der Verwaltung trifft Sie in der Sitzung unvorbereitet, weil Sie das Dokument in den vorab verschickten Unterlagen übersehen haben. Was tun Sie jetzt?

a) Nun, da es sich um meinen Fehler handelt, versuche ich den Text schnell in der Pause noch zu lesen und lehne mich in der Diskussion nicht zu weit aus dem Fenster.

b) Ich finde schnell drei Kommafehler und lasse die Vorlage wegen „völliger Unausgegorenheit“ mit der Unterstützung meiner Fraktion vertagen.

c) Ich rege mich darüber auf, dass ich viel zu kurzfristig informiert wurde und beleidige den Ausschussvorsitzenden, bevor ich schließlich meine Unterlagen aus dem Fenster schmeiße und die Sitzung demonstrativ verlasse (bis zum nächsten Punkt der Tagesordnung).

d) Ich entdecke im Text einen winzigen, für die Sache irrelevanten Teilaspekt, über den ich so lange rede, bis meinen Kollegen das Blut aus den Ohren tropft.

 

2) Es wird darüber diskutiert, ob ein Dringlichkeitsantrag noch mit in die Tagesordnung der laufenden Sitzung aufgenommen werden soll. Wie verhalten Sie sich?

a) Wenn die Dringlichkeit begründet ist, dann sollte er mit aufgenommen werden.

b) Ich erinnere die Kollegen an die Grundsatzentscheidung Karlchen Schmittke gegen die Stadt Berchtesgaden aus dem Jahr 1965 und wundere mich, dass über so etwas überhaupt noch diskutiert werden muss.

c) Ich lasse den Antrag, bei dem es sich um eine Falle des politischen Gegners handeln muss, mit großer Geste abschmettern und funkele den Antragsteller aus Schlitzaugen böse an.

d) Ich wittere eine günstige Chance zur Selbstdarstellung und rede fünf Minuten, ohne mich auf eine Vorgehensweise festzulegen.

 

3) Ein Kollege unterstellt Ihnen im Lauf einer heftig geführten Debatte, Sie hätten überhaupt nicht verstanden, worum es eigentlich ginge. Wie reagieren Sie?

a) Das kann im Eifer des Gefechts schon einmal passieren. Ich bleibe ruhig und argumentiere weiter für meinen Standpunkt.

b) Er hat ja Recht, ich stelle sofort einen Antrag zur Geschäftsordnung auf Schluss der Debatte und weine in der Pause auf dem Herrenklo.

c) Ich schnappe kurz nach Luft und beleidige dann seine Mutter.

d) Er hat zwar Recht, aber ich kann das gekonnt durch meinen üblichen Vortrag zur allgemeinen Lage der Stadt übertünchen.

 

4) Ihr politischer Gegner stellt einen sehr guten Antrag. Was machen Sie?

a) Ich unterstütze sein Anliegen und stimme natürlich zu.

b) Ich sauge mir irgendwelche hanebüchenen Gründe aus den Fingern, um den Antrag ablehnen zu können und bringe ihn dann zur nächsten Sitzung leicht abgeändert selbst ein.

c) Ich bezichtige ihn des Ideendiebstahls, spreche von einem Tiefpunkt in der politischen Kultur dieser Stadt und sage ihm, er solle sich was schämen. Den Antrag lehne ich ab, um „ein Zeichen für Anstand und Ehrlichkeit“ zu setzen.

d) Ich spreche dreimal so lang wie der Antragsteller, um zu erreichen, dass bei der Presse hängenbleibt, dass es eigentlich mein Antrag war.

 

Auswertung

überwiegend b): Der Paragrafenreiter
Der Antrag ist gut? Der Vorschlag innovativ? Das ist das Signal für Ihren Auftritt. Zur Verhinderung jeder noch so sinnvollen Idee haben Sie die passende Rechtsvorschrift in der Hinterhand. Egal, ob Sie aus einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes oder aus der Ehrenordnung Ihres Buchclubs zitieren, Ihr destruktives juristisches Waffenarsenal verbreitet Furcht und Schrecken. Das kollektive Stöhnen rings um Sie, sobald Sie sich zu Wort melden, ist für Sie der süße Lohn Ihrer kommunalpolitischen Arbeit. Kummer bereitet Ihnen nur, dass in letzter Zeit erstaunlich oft „vergessen“ wird, Ihnen die Einladung zur Sitzung zuzustellen.

überwiegend c): Der Empörer
Friede, Freude, Eierkuchen? Nicht mit Ihnen! Wenn die Verwaltung ausnahmsweise keine Fehler in der Vorlage gemacht hat, reicht Ihnen zur Not auch schon ein fehlendes Sitzkissen, um den größten Skandal seit der Spiegel-Affäre heraufzubeschwören. Auch wenn Sie von Ihren Fraktionskollegen unter der Hand als „menschlich schwierig“ beschrieben werden, schätzt Ihre Partei Sie als politische Allzweckwaffe. Auch bei der Presse sind Sie beliebt, weil Ihre Redebeiträge im nichtöffentlichen Teil der Sitzung regelmäßig auch außerhalb des Raumes gut zu verstehen sind.

überwiegend d): Die Laberbacke
Wenn Sie sich zu Wort melden, ist der Zeitpunkt für Ihre Zuhörer günstig, innerlich noch einmal die schönsten Tore des vergangenen Bundesligaspieltags Revue passieren zu lassen, die Glühbirnen im Ratssaal zu zählen oder die Quersummen aller Antragsnummern auszurechnen. Was man auf keinen Fall tun sollte, ist dagegen aufmerksam zuzuhören, wie Sie wieder einmal nicht zum Punkt kommen, denn das ist so befriedigend wie Goldsuchen am Rheinufer.

Wenn Sie überwiegend a) gewählt haben, dann sind Sie ein besonnener, vernünftiger und freundlicher Zeitgenosse. Kommunalpolitik ist nichts für Sie.

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2 Gedanken zu “Wer bin ich, wenn ich im Stadtrat bin?

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