Notizen von T.

Gottchen, Kinder, eins steht fest, meine erste Woche als neue Lokalredakteurin hier in Bonn war echt kein Zuckerschlecken. Erstes Meeting und unser Chef meint doch: „Beginn des Beethovenfestivals, Riesennummer, da müssen wir was bringen!“ Ich so: „Chef, ich finde Bernhardiner auch unheimlich knuddelig, aber ist das nicht ein bisschen übertrieben, und außerdem war die Fortsetzung längst nicht mehr so gut wie der erste Film.“ Aber was soll ich sagen, offenbar meinten die den alten Musikus von anno Gottweißwann, denn der hat sich hier ein paar Jahre in die Windeln geschissen, bevor er in Wien seine Klingeltöne komponiert hat. Ich meine, ernsthaft, es gibt ja auch keine Bruce-Willis-Biennale in Idar-Oberstein und keinen Heidi-Klum-Catwalk in Bergisch-Gladbach. Aber das perlt an meinem Boss ab wie sonst nur das gute Prickelwasser, das er hinter dem 20-bändigen Lexikon in seinem Büro versteckt. „Scheiße, T., Sie stöckeln heute Abend zum Eröffnungskonzert und schreiben uns was.“

Es wurde eine stressige Veranstaltung, das kann ich euch sagen. Zuerst bequasselt mich eine Mittsechzigerin, von der die Zeugen Jehovas in Sachen Hartnäckigkeit noch gut was lernen können, im Foyer ständig über Pläne für ein neues Festspielhaus. Dabei verteilt sie gleichzeitig zu Werbezwecken tonnenweise dieses Toastbrot mit dem verkohlten Konterfei vom alten Ludwig Van drauf. „Schätzchen, wollen Sie eine neue Konzerthalle oder eine Heiligsprechung, außerdem nehme ich meinen nie ohne Kaviar“, scherze ich, daraufhin zieht sie endlich Leine. Großes Bohei dann kurz vor Beginn, als ein ungeladener Demonstrant gegen den Abriss der Beethovenhalle protestieren will und sich deshalb an die Eingangstore kettet. Die baufälligen alten Dinger halten das allerdings nicht lange aus und gehen aus den Angeln. Problem gelöst.

Vor dem Konzert hat auch noch der OB seinen Auftritt, sein Gesicht kenne ich schon, denn sein Foto dient uns in der Redaktion als Dartscheibe. (Keine Ahnung, wieso.) Sein sonorer, träger Bass erinnert mich sofort an die Walgesänge, die ich immer als Einschlafhilfe benutze, und so kriege ich von der Rede nicht viel mit. Vielleicht hängt das auch mit der miesen Akustik in der klapprigen Musikscheune zusammen. Egal, mein Ipod, mit dem ich während dem anschließenden Konzert unauffällig dem neuen Album meiner Lieblings-Death-Metal-Band lausche, hat jedenfalls den besten Sound, den man sich wünschen kann. Hinterher noch ein kurzes Stelldichein mit den wichtigsten Schlipsträgern aus der Lokalpolitik. Alle noch etwas steif, reden nur über das langweilige Gefiedel, also lockere ich die Runde ein bisschen auf: „Na, da können Sie ja wirklich froh sein, dass Sie wenigstens noch good old Beathoven haben, sonst würde sich für das alte Bundeskaff gleich gar keiner mehr interessieren, stimmt’s oder hab ich Recht?“ Und da heißt es immer, Rheinländer wären so herzliche Typen.

Nächster Tag in der Redaktion kommt mein Chef mich gleich im Büro besuchen. „Na, krieg ich heute nen schönen Beethoven-Artikel von Ihnen?“ „Klar, Chef, mach ich mich gleich dra-a-a-annnnn!“ „So gefällt mir das.“ Ich glaube, da winkt bald eine Versetzung ins Kulturressort.

Bis zum nächsten Mal,

Eure T.

Bild: Screenshot www.jetzt-schaetzchen.de
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4 Gedanken zu “Notizen von T.

  1. Wirklich schön gemacht – lustig ! Die Toastscheibe ist ja erst der Anfang: es kommen noch Beethovenwürstchen, Haribo-Beethovenköpfchen, Ohropax Beathoven und als Dauerleihgabe aus Wien zum 250 Geburtstag als Reliquie eine Originalwindel des Künstlers für das Entree des Festspielhauses.

  2. Dankedanke…! Gute Ideen, aber ins Entree kommen schon eine Packstation, ein Briefkmarkenautomat und einige Werbebanner für den E-Post-Brief – hat sich die Post frühzeitig vertraglich zusichern lassen.:-)

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