Für eine Handvoll Mäuse

CC BY-NC-SA Brian Kellett via flickr

Die Ökonomen an der Uni Bonn veranstalten seit vielen Jahren im BonnEconLab wirtschaftswissenschaftliche Experimente. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Rollenspiele am Computer, bei denen die Teilnehmer in den unterschiedlichsten Situationen (z.B. Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Tarifverhandlungen) miteinander interagieren. Die Bezahlung des einzelnen Teilnehmers hängt dabei zu einem großen Teil von dessen ökonomischen Entscheidungen und Erfolg im Experiment selbst ab. Eine interessante Sache, um sich ab und zu ein bisschen was dazuzuverdienen und sich über Kommilitonen zu ärgern, die sich im Experiment auf deine Kosten bereichern, weil du wieder zu naiv warst.

Letzte Woche nun fand eine große Versuchsreihe in der Bonner Beethovenhalle statt, die einen zusätzlichen Kick hatte: In einer fiktiven Marktsituation sollte man mit den anderen Teilnehmern entweder als Käufer oder Verkäufer um eine Maus feilschen. So weit, so normal. Wenn man sich aber mit dem zugelosten Handelspartner einigte und der Handel zu Stande kam, dann – so versicherte uns die Leitung des Experiments – würde die Maus sterben, und zwar nicht nur auf dem Computerscreen sondern auch ganz real. Ein anschauliches Video, wie das vonstatten gehen sollte, wurde gleich mitgeliefert. Wen das also abschreckte, der handelte in diesem Experiment gar nicht (in meiner Gruppe waren das etwa die Hälfte der Leute), hatte dafür aber hinterher auch weniger Kohle verdient als die anderen.

Nach dem Experiment wurden alle Teilnehmer per Mail über die genauen Umstände informiert:

Bei den Entscheidungen der Teilnehmer im Experiment ging es, wie in den Instruktionen beschrieben, in der Tat um das Leben und Sterben einer Maus. Für die Einordnung der Studie ist es wichtig zu wissen, dass es sich bei den Mäusen im Experiment um sogenannte „überzählige“ Mäuse handelt. Das sind Mäuse, die für wissenschaftliche Versuchszwecke (die in keinem Zusammenhang mit unserer Studie stehen) gezüchtet werden, für die aber aus verschiedenen Gründen keine Verwendung mehr besteht. Solche Mäuse werden in Versuchslabors routinemäßig getötet. Das ist die gängige Praxis in allen Tierversuchslaboren weltweit. Konkret bedeutet das, dass durch das Experiment keine einzige Maus getötet wurde, die nicht ohnehin getötet worden wäre. Stattdessen werden – je nach Entscheidung der Probanden – Mäuse von den Leitern der Studie „freigekauft“. Mit anderen Worten wird aus Mitteln dieser Studie Mäusen das Überleben ermöglicht, die sonst getötet worden wären.

Das lässt die Sache tatsächlich harmloser erscheinen, auch wenn die offenbar gängige Praxis, überzählige Tiere einfach zu töten, nicht sehr human klingt. Für die Entscheidung des einzelnen Teilnehmers sollte es aber keine große Rolle spielen, der ohne die zusätzlichen Infos vor der Frage steht „Soll eine Maus sterben, damit ich ein paar Euro mehr bekomme?“, während sie rückblickend eigentlich „Soll ich auf ein paar Euro Bezahlung verzichten, damit eine Maus gerettet wird?“ lauten müsste.

Ich hoffe, „meine“ gerettete Maus hat noch ein paar schöne, mäusegerechte Tage in ihrem Labor.

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2 Gedanken zu “Für eine Handvoll Mäuse

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