Zur Nachahmung empfohlen?

Aus Henning Köhler, Adenauer. Eine politische Biographie:

Im April 1930 machte [der Kölner OB Konrad Adenauer] mit seinen neuen Grundsätzen Ernst, als es um den Haushalt ging. Da scheute er auch vor Gebühren- und Steuererhöhungen nicht zurück. Letztere betrafen vor allem die Wirtschaft und lösten auf bürgerlicher Seite bittere Kommentare aus. Dennoch gelang ihm die Verabschiedung des Etats relativ leicht, denn er operierte geschickt mit der Drohung, daß andernfalls der preußische Staat mittels eines Staatskommissars den Haushalt feststellen werde, was für die Stadt wesentlich größere Nachteile zur Folge hätte. […] Um eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, […] landete Adenauer im Dezember 1930 einen kühnen Coup. Er erhöhte die Grundsteuer in drastischer Weise.

Das ist der Schlüssel für die Interpretation des anstehenden Bonner Haushalts: Es handelt sich nur vordergründig um ein nüchternes Zahlenwerk, der Kenner sieht dahinter eindeutig eine liebevolle Hommage an den Altbundeskanzler. Meiner Einschätzung nach ein geschickter Schachzug der Kämmerei, um sich die Stimmen der Zentrumsfraktion im Bonner Stadtrat zu sichern.

Politiker ziehen Konsequenzen aus WCCB-Prozess

Bonn/WCCB – Mit bemerkenswerter Selbstkritik haben viele Ratsmitglieder auf ihr eigenes Auftreten im Zeugenstand des WCCB-Prozesses reagiert, bei dem sehr viele Fragen des Gerichts wegen Erinnerungslücken der Abgeordneten unbeantwortet blieben. „Das ist natürlich ein Problem“, räumt Klaus-Peter Gilles (CDU) im Interview mit dem Generalanzeiger ein. „Wir sind in unserer Fraktion deswegen mittlerweile dazu übergegangen, uns wichtige Dinge auch mal aufzuschreiben.“ Fraktionsgeschäftsführer Fenninger verteidigt dagegen den Auftritt seiner Kollegen: „Ich bitte Sie, das ist doch alles schon fast 7 Jahre her. Wer soll sich denn da noch an solche Details erinnern? Ach übrigens, noch was ganz anderes, wegen dieser Autobahngeschichte: Ich weiß genau, dass Verwaltungsoberinspektor Schnappauf-Höskens mir schon im März 1995 (er trug da wieder diese hässliche blau-weiß gestreifte Krawatte) versichert hat, ein Ausbau der A565 ohne Einbeziehung des Ennertaufstiegs, aber mit Südtangente bei paritätischer Inanspruchnahme der Bundesmittel nach § 254 Abs. 2 kann nur dann erfolgen, wenn…“

Etwas lockerer sieht man die Angelegenheit bei den Grünen. „Wissen Sie, ich sage immer: Solange wir nicht vergessen, dass die Verwaltung an allem Schuld ist, ist doch alles in Ordnung, ha ha“, so Peter Finger in einer Stellungnahme. Mit ganz eigenen Erinnerungslücken schlägt sich dagegen die SPD herum: „Bärbel wer? Mit einfachem k oder ck…? Aha… Nein, der Name kommt mir nicht bekannt vor… Und Sie sind ganz sicher, dass die mal bei uns Mitglied war?“

Kritiker kreiden auch der Verwaltung eine Mitschuld an, fehle es doch in vielen schriftlichen Vorlagen zum WCCB an sprachlicher Klarheit und Stringenz. Ein Sprecher der Stadt wies das jedoch vor Pressevertretern eindeutig zurück: „Unter finaler Berücksichtigung sowohl grammatikalisch-orthographischer wie auch terminologisch-semantischer Aspekte ist die Postulierung einer vorsätzlich erkenntnisbehindernden Intention – oder auch nur einer in fahrlässiger Weise durch unorthodoxe Satzkonstruktion (oder Wortwahl, Paraphrasierungen, Appositionen und unklare Bezüge) mitverursachten akzidentalen Bedeutungsobstruktion – von unserer Seite nur in wenigen statistisch irrelevanten Einzelfällen faktisch zu rechtfertigen.“ Dennoch bot die Stadt den Parlamentariern Unterstützung bei der Bekämpfung ihrer Gedächtnislücken an: Im Gespräch ist eine verbesserte Beschilderung im Stadthaus, damit die Ratsmitglieder den Weg in den Ratssaal auch ohne Probleme wiederfänden und nirgendwo falsch abbögen. „Damit heben wir die Zusammenarbeit zwischen Rat und Verwaltung zum Wohle Bonns auf eine ganz neue Stufe“ , so Oberbürgermeister Nimptsch abschließend.

Kein demokratischer Staat

Laut Zeitungsartikel streitet sich die Uni Bonn gerade mit einer Bürgerinitiative über den Umgang mit einem Nutzpflanzengarten. Oder ist es möglich, dass es dabei… schluck… um noch viel größere Dinge geht:

Für [die Vorsitzende der Bürgerinitiative] Angela Semmelroth ist die Schließung nun eine „kleingeistige Trotzreaktion“ der Uni. „Sie übersieht dabei offensichtlich, dass wir in einem demokratischen Staat leben.“ Bei der Uni sieht man das anders: […]

Für eine Handvoll Mäuse

CC BY-NC-SA Brian Kellett via flickr

Die Ökonomen an der Uni Bonn veranstalten seit vielen Jahren im BonnEconLab wirtschaftswissenschaftliche Experimente. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Rollenspiele am Computer, bei denen die Teilnehmer in den unterschiedlichsten Situationen (z.B. Arbeitgeber und Arbeitnehmer in Tarifverhandlungen) miteinander interagieren. Die Bezahlung des einzelnen Teilnehmers hängt dabei zu einem großen Teil von dessen ökonomischen Entscheidungen und Erfolg im Experiment selbst ab. Eine interessante Sache, um sich ab und zu ein bisschen was dazuzuverdienen und sich über Kommilitonen zu ärgern, die sich im Experiment auf deine Kosten bereichern, weil du wieder zu naiv warst.

Letzte Woche nun fand eine große Versuchsreihe in der Bonner Beethovenhalle statt, die einen zusätzlichen Kick hatte: In einer fiktiven Marktsituation sollte man mit den anderen Teilnehmern entweder als Käufer oder Verkäufer um eine Maus feilschen. So weit, so normal. Wenn man sich aber mit dem zugelosten Handelspartner einigte und der Handel zu Stande kam, dann – so versicherte uns die Leitung des Experiments – würde die Maus sterben, und zwar nicht nur auf dem Computerscreen sondern auch ganz real. Ein anschauliches Video, wie das vonstatten gehen sollte, wurde gleich mitgeliefert. Wen das also abschreckte, der handelte in diesem Experiment gar nicht (in meiner Gruppe waren das etwa die Hälfte der Leute), hatte dafür aber hinterher auch weniger Kohle verdient als die anderen.

Nach dem Experiment wurden alle Teilnehmer per Mail über die genauen Umstände informiert:

Bei den Entscheidungen der Teilnehmer im Experiment ging es, wie in den Instruktionen beschrieben, in der Tat um das Leben und Sterben einer Maus. Für die Einordnung der Studie ist es wichtig zu wissen, dass es sich bei den Mäusen im Experiment um sogenannte „überzählige“ Mäuse handelt. Das sind Mäuse, die für wissenschaftliche Versuchszwecke (die in keinem Zusammenhang mit unserer Studie stehen) gezüchtet werden, für die aber aus verschiedenen Gründen keine Verwendung mehr besteht. Solche Mäuse werden in Versuchslabors routinemäßig getötet. Das ist die gängige Praxis in allen Tierversuchslaboren weltweit. Konkret bedeutet das, dass durch das Experiment keine einzige Maus getötet wurde, die nicht ohnehin getötet worden wäre. Stattdessen werden – je nach Entscheidung der Probanden – Mäuse von den Leitern der Studie „freigekauft“. Mit anderen Worten wird aus Mitteln dieser Studie Mäusen das Überleben ermöglicht, die sonst getötet worden wären.

Das lässt die Sache tatsächlich harmloser erscheinen, auch wenn die offenbar gängige Praxis, überzählige Tiere einfach zu töten, nicht sehr human klingt. Für die Entscheidung des einzelnen Teilnehmers sollte es aber keine große Rolle spielen, der ohne die zusätzlichen Infos vor der Frage steht „Soll eine Maus sterben, damit ich ein paar Euro mehr bekomme?“, während sie rückblickend eigentlich „Soll ich auf ein paar Euro Bezahlung verzichten, damit eine Maus gerettet wird?“ lauten müsste.

Ich hoffe, „meine“ gerettete Maus hat noch ein paar schöne, mäusegerechte Tage in ihrem Labor.

Ein Hoch auf unsern Busfahrer…?

Kurze repräsentative Auszüge aus den zahlreichen Kommentaren zu einem aktuellen GA-Artikel über die Verfehlung eines *einzelnen* Busfahrers, der eine alte Frau an einer Haltestelle stehen ließ:

Ich befürchte eher die Swb sollten sich von einigen Exemplaren ihrer Fahrer trennen und vernünftige verantwortungsbewusste und vor allem der deutschen Sprache mächtige Fahrer einstellen.

Abstoßend.

Nicht nur, dass der ÖPNV in Bonn eindeutig zu teuer für seine Leistungen ist, die Fahrer sind auch noch unverschämt und lügen. […] Immer verspätet, dreckig und die Fahrer fahren wie die letzte S**!

Dreckig, fahren wie die S***, kommen oft auch zu früh.

Außerdem aß er während der Fahrt einen Apfel !

Oder, um es mit einem bekannten YouTube-Video zu sagen:

Bonner Problemfelder (Folge 5)

Neues Flutlicht im Sportpark Nord (CC BY-NC-SA SurfGuard via flickr)

Folge 5 der bereits jetzt legendären Fußballplatz-Bilderserie „Bonner Problemfelder“ ist eine Richtigstellung von Folge 2. Damals habe ich kritisiert, dass die Stadt einen Millionenbetrag für neues Flutlicht im Sportpark Nord ausgibt, um sinnlose DFB-Auflagen für die Regionalliga zu erfüllen, obwohl Bonn zwischenzeitlich sogar das Regionalligateam abhanden gekommen war. (Vgl. z.B. Magazin „11 Freunde“, Oktober 2010: „Verfluchtes Bonn! Die erfolglosesten deutschen Fußballstädte“)

Was ich dabei zu wenig gewichtet habe, war aber, dass es sich dabei um eine öffentliche Investition im Rahmen des Konjunkturpakets II handelte, was wiederum im Kern eine keynesianische Maßnahme zur Bekämpfung der damaligen Wirtschaftskrise war. Was sagt aber nun eben jener Keynes darüber, wie sinnvoll der Zweck einer solchen Maßnahme selbst sein muss:

Würde das Schatzamt alte Flaschen mit Geldscheinen füllen, sie in angemessener Tiefe in stillgelegten Kohlebergwerken vergraben, die dann bis zur Oberfläche mit Bauschutt gefüllt würden, und es privaten Unternehmen nach dem bewährten laissez-faire-Prinzip überlassen, die Geldscheine wieder auszugraben (das Recht dies zu tun würden sie natürlich dadurch erhalten, dass man Pachtverträge für das mit Scheinen bestückte Land ausschreibt), dann müsste es keine Arbeitslosigkeit mehr geben und das Realeinkommen der Gemeinschaft würde – mit der Hilfe der entsprechenden Folgen – genauso wie ihr Kapitalvermögen wahrscheinlich um ein gutes Stück wachsen. Es wäre zwar in der Tat vernünftiger, Häuser und dergleichen zu bauen; aber wenn dabei politische und praktische Schwierigkeiten auftreten würden, wäre das oben beschriebene besser als nichts.

Es ist also makroökonomisch alles in bester Ordnung. Da man in Bonn damals auf die Schnelle kein stillgelegtes Bergwerk auftreiben konnte, um das ganze Geld zu verbuddeln, war das Flutlicht eben die nächstbeste Investition, auf die man sich hat einigen können.